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Differenzen
NZZ   11. Februar 2002
 
 
 
 
Von Martin Heller, künstlerischer Direktor der Expo 02
 
Wie das Land, so seine Ausstellung. Auch für die Expo 02 ist die Rösti der kulturellen Differenz mehr als bloss eine Beilage. Das nationale Projekt spiegelt die nationale Vielfalt. Romands und Deutschschweizer zumal sehen die Landesausstellung mit unterschiedlichen Augen, hegen unterschiedliche Erwartungen, modellieren sich jeweils «ihre» Expo. Natürlich sind solche Sätze heikel. Sie balancieren Klischees und werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Weil es die Welschen und die Alémaniques nicht gibt, und weil im Falle der Expo 02 ohnehin jede und jeder Recht haben - sonst wäre die Landesausstellung keine Landesausstellung.
 
 
Aber: Es gibt Mentalitäten, Muster, Tendenzen. Und es gibt atmosphärische Unterschiede. Wo in Sitzungen ausschliesslich Französisch gesprochen wird, läuft ein anderer Film ab als dort, wo Deutsch die Sitzungssprache ist. Zumal auch in der Expo 02 die Grenzen nur schon jener passiven Zweisprachigkeit rasch erreicht sind, in der - wie in Bundesbern - alle ihre eigene Sprache sprechen können. Einem Federal English will in der Landesausstellung niemand Vorschub leisten. Was zur Folge hat, dass die Deutschschweizer ihr Schulfranzösisch aufbessern müssen.
 
 
Die wirklichen Übersetzungsprobleme reichen indessen tiefer. Kultur heisst erst einmal: Prägung. Beschämend gross die Zahl derer, die auf Deutschschweizer Seite nicht wissen, dass François Rochaix, der Regisseur des Eröffnungsspektakels, in der Romandie ein Theaterstar ist. Ebenso zahlreich sind anderseits jene, die - das französische Theaterleben im Rücken - Christoph Marthaler, der ursprünglich den 1. August hätte inszenieren sollen, allenfalls mit Emmentaler assoziieren.
 
 
Solche Lücken sind mehr als Informationsdefizite. Prägungen beziehen sich auf Grundwerte kultureller Erfahrung. Das schlägt sich in den Erwartungen an das künstlerische Produkt der Expo 02 nieder: «ludique» und «poétique», zwei Konstanten im Vokabular etwa der frankophonen Presse, meinen nicht einfach «spielerische» oder «poetische» Qualitäten. Sie beziehen Position gegen die vermeintlich schwerblütige, verkopfte Bereitschaft der Deutschschweizer, selbst die Kunst kritisch zu hinterfragen, statt sie heiter und leichthändig anzurichten. Überhaupt: das Künstlerische - eine Chiffre, die hier und dort völlig anders anders aufgeladen und ausgelegt wird.
 
 
Differenz der Worte, der Bedeutungen, der Prägungen - und der politischen Reichweiten. Der Schweizer Sprachenföderalismus ist eine Mechanik von Mehrheiten und Minderheiten. Nichts illustriert diese Tatsache besser als jene späte Runde einer Expo-Equipe, in der sich die anwesenden Romands mit Zungenbrechern wie Neuenschwander oder Sturzenegger vergnügten und dabei die Frage aufwarfen, was denn umgekehrt die Alémaniques amüsiere. Die lakonische Antwort, man lache in der Deutschschweiz nicht über die Romands, wurde bezeichnenderweise als schlagfertige Parade missverstanden. Witze machen meistens die Schwächeren - die Stärkeren verfügen über andere, wirksamere Mittel.
 
 
Erfahrungen wie diese gehören zur Realität des einst überschaubar viersprachigen Landes, das seine zunehmende Multikulturalität erst zögernd zur Kenntnis nimmt. Bücher werden geschrieben, Symposien abgehalten, Austauschprogramme initiiert - das Bewusstsein lässt sich Zeit.
 
 
Unter anderem darum braucht das gemeinsame Projekt so viel Kraft und Verständnis. Und Identifikationsfiguren in der Direktion der Expo 02, die der Sprachminderheit jenes Eigene symbolisieren, das im Grossen, Nationalen gefährdet scheint und dem deshalb Gehör und Ausdruck verschafft werden müssen.
 
 
Unsere kulturelle Neugier, so eine Zwischenbilanz, tut sich mit den Gräben innerhalb der Schweiz weitaus schwerer als mit der Landesgrenze. Das ist noch lange kein Grund, seine Rösti stehen zu lassen. Allerdings wird die Expo 02 damit erst recht zum Laboratorium, in dem mehr und anderes möglich wird als im gewöhnlichen Schweizer Leben. Hier kommen alle zusammen, die sonst eigene, differente Wege gehen - die einen ans Comptoir Suisse, die andern an die Muba. Ohne die Expo 02 wäre die einzig wirklich nationale Ausstellung hierzulande der Autosalon.
 

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